Immer kräftig draufschlagen
“Zu den Waffen, ihr Teutschen! Ergreift Mistgabeln, Fackeln, und verjagt diese Ungeheuer, diese Ausländer!”
Roland Koch, CDU-Bundeskanzlerkandidat 2013
Es ist fast schon Tradition: Pünktlich zur Landtagswahl in Hessen gräbt Roland Koch, CDU-Ministerpräsident, in der rechten Mottenkiste und holt ausländerfeindliche Parolen hervor, um auf Stimmenfang zu gehen…
Bereits bei der letzten Landtagswahl 2003 verselbstständigte sich eine Unterschriftensammlung der Hessen-CDU gegen die geplante “doppelte Staatsbürgerschaft”, was dazu führte, dass Menschen nach dem Motto: “Wo kann ich hier gegen Ausländer unterschreiben?” an die CDU-Stände strömten.
Und wieder läuft das Fließband der Koch’schen Wahlkampfrhetorik an und produziert pauschalisierende, ausländerfeindliche Polemik untersten Niveaus.
Nun muss der schockierende, verachtenswerte Überfall eines Türken und eines Griechen auf einen Rentner in der münchener U-Bahn dafür herhalten, als Aufhänger für eine unsachliche, ideologisch geführte Wahlkampfpolemik missbraucht zu werden, bloß weil Koch um seine Mehrheit fürchtet.
Ideologische Diskussionen treiben zuweilen skurrile Blüten. “Arabern fehlt das Toleranz-Gen” und “Europa wird islamisiert”, bekommt man zu lesen. ‘Ausländer sind von Grund aus aggressiv’, wenn man die aktuelle Hetzkampagne in der Bild interpretiert.
Es ist doch naiv zu glauben, dass Menschen, bloß weil sie anderswo geboren wurden, von Natur aus schlechtere Menschen sind. Das ist klassischer, unterschwelliger Rassismus. Gewalt, Armut? Die Erziehung macht’s!
Selbst der niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer gibt zu, dass Jugendgewalt kein Problem der ethnischen oder territorialen Herkunft ist1. Es ist ein klassisches Unterschichtenproblem.
Soziale Armut, Ghettobildung, Kriminalität.
Das betrifft nicht ausschließlich Ausländer. Deutsche trifft es genauso.
Der einzige Unterschied: Bezogen auf die Gesamtheit der jeweiligen ethnischen Gruppe in unserem Lande, sind unter Ausländern ein höherer Anteil der ‘Unterschicht’ zuzuordnen. Und somit zum größeren Teil schlechtere Bildung.
Das KFN2 veröffentlichte in diesem Zusammenhang sehr interesssante Statistiken: 26% der Hauptschüler begingen in den letzten 12 Monaten mindestens eine Gewalttat. Auf Real-/Gesamtschulen sind dies 18%, auf Gymnasien rund jeder Zehnte.
Auch in der Kategorie “Schulschwänzen (>5 Tage) steht die Hauptschule an der Spitze: 29% aller Hauptschüler sind dabei. Gerade einmal knapp 7% aller Gymnasiasten schwänzen mehr oder minder regelmäßig.3
Gewalt und schlechte Bildung hängen unmittelbar zusammen. Schlechte Bildungschancen führen leichter in die Gewaltkriminalität.
Dass Ausländer nicht pauschal als gewalttätig bezeichnet werden können, deckte das KFN auch auf: Wo ausländische Jugendliche bessere Chancen auf Bildung erhielten, dort sank ihre Gewaltquote.
Mal ehrlich - was erwartet man von jungen Mitmenschen aus einem womöglich schwachen Elternhaus, denen seit dem elften Lebensjahr in der Hauptschule Perspektivlosigkeit durch das Gefühl völligen Überflusses und Geringschätzung in der Gesellschaft vermittelt wird? Friede, Freude, Eierkuchen?
Ein Bildungssystem, welches wie ein Sieb arbeitet, nämlich die Guten aufzufangen und zu fördern, während die Hilfsbedürftigen fallen gelassen werden, ist unmenschlich.
Und es fördert Vorurteile, Ablehnung, Hass.

Bild: Eine typische Hauptschule in Deutschland. Hier soll u.a. Ausländern unsere gesellschaftlichen Werte wie Toleranz, gegenseitige Hilfe, Förderung und Rücksichtnahme gelehrt werden.
Einmal unten, immer unten. Wer einmal in den Genuss schlechter Bildung kommt, kann sich ihr kaum mehr entziehen. Aufstieg ist nahezu unmöglich, auch weil er nur ungern gesehen ist. Besonders schlimm trifft dies unzählige junge Menschen, deren Talente und Begabungen aufgrund mangelnder Förderung verloren gehen, bloß weil sie aus einem sozial schwachen Umfeld stammen und in der 4. Klasse das Wort ‘Aperitif’ nicht richtig buchstabieren konnten. Schulempfehlung: Hauptschule. Alea iacta est.
Schlechte Bildung erleiden zu müssen, ist selbstverständlich längst nicht der einzige Faktor der Gewaltspirale. Doch es ist ein wichtiges Element. Viele Probleme sind gerade im familiären, je nach Kulturkreis autoritären, Macho-behafteten Familienbild zu suchen. Und wer selbst häusliche Gewalt erlebt hat, dessen Hemmschwelle ist niedriger, um sie selbst anzuwenden. Doch die Schule sollte der Ort sein, in dem solche Fehltritte aufgearbeitet und womöglich korrigiert werden. Die familiäre Erziehung lässt sich von außen wahrlich nur schwierig ändern. Schulpolitik allerdings schon. Finden die Kinder zu Hause keinen Rückhalt, müssen sie diesen in der Schule finden. Doch ist dies auch dort nicht gegeben, überlässt man die Schüler ihrem Schicksal. Und dies endet irgendwo ganz, ganz weit unten…
Doch warum werden diese Zusammenhänge in der aktuellen Diskussion über Jugendgewalt nicht genannt?
Würde eine solche Auseinandersetzung etwa Arbeit nach der nächsten Wahl bedeuten, wo man das Thema nach dem gewonnenen Wahlkampf doch -wie üblich- schön unter den Tisch fallen lassen könnte?
Besonders interessant ist solche Polemik aus dem Mund eines Regierungschefs, unter dessen Leitung in den letzten Jahren in großem Maße Polizei- und Richterstellen aus ‘Spargründen’ abgebaut wurden, Fördergelder für Gewaltprävention zusammengestrichen werden und bundesweit die längste Zeit zwischen Straftat und Verurteilung verstreicht. Ob sich dies auf die Glaubwürdigkeit Kochs auswirkt, sollte besser jeder selbst entscheiden.
Gewalttäter dürfen weder in Schutz genommen werden, noch dürfen Taten verharmlost werden.
Doch die Sichtweise muss sich ändern. Jugendgewalt ist nicht die Ursache gesellschaftlicher Probleme, sie ist ein Symptom. Ein Symptom für eine schwerwiegende Diskrepanz in der Gesellschaft, die bestimmte Gruppen isoliert, ausschließt, benachteiligt. Die Probleme wird man weder mit Abschiebungen noch mit höheren Haftstrafen lösen können. Das Problem der Jugendgewalt ist nur lösbar, wenn den Ursachen der Gewalt der Nährboden entzogen wird. Höhere Haftstrafen können die Bürger nicht vor Übergriffen schützen. Prävention ist nötig, um solche Taten nicht erst geschehen zu lassen.
Und nun entschuldigen Sie mich, werte Leser. Als Deutscher mit Migrationshintergrund werde ich neuerdings bei der Polizei vorgeladen, um zu beweisen, dass ich in den letzten Tagen niemanden zusammen geschlagen habe. Würde ich es wohl tun, hätte ich eine Hauptschule besucht?
Münster, Januar 2013. Drei Wochen nach der Bundestagswahl. Koch wurde Bundeskanzler.
1 taz; Donnerstag, 10. Januar 2008, “brennpunkt”, Seite 4
2 Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen http://www.kfn.de
3 Quelle: siehe 1
Bildquelle Roland Koch (Portrait): Armin Kübelbeck @ Wikimedia Commons






15.01.2008 11:19
Also ich werde jetzt ja die CDU/CSU wählen.
15.01.2008 22:39
Koch, der wilde, wilde Hesse…
http://www3.ndr.de/ndrtv_pages_video/0,,SPM2362_VID4513172_TYPmshigh_LOCint,00.html
22.08.2008 17:01
Ich Habe<auch Ärger mit Ausländern und Stehe ganz allein da.