“Seht her, ich plane einen Amoklauf!”

“Auf einer Schulbank in einem Fachraum am Kant-Gymnasium fanden Schüler am Donnerstag die Ankündigung eines Amok-Laufes für den gestrigen Freitag.”
Westfälische Nachrichten, 15.03.2008

Und wieder gellte ein verzweifelter Hilferuf nach mehr Aufmerksamkeit durch die Gänge eines Münsteraner Gymnasiums. Nach Chucks, Vans, gestreiften Pullis und Palitüchern entwickelt sich unter deutschen Jugendlichen ein neuer Trend: Amokläufe ankündigen. Was Schüler, Eltern, Lehrer und Ermittlungsbeamte in Atem hält, wird aus sozialpädagogischen Rängen kühl belächelt.

“Über 40 Androhungen von potenziellen Amokläufern gab es seit Emsdetten in Münster.” betont Oberstudienrätin L. Leere Drohungen, die - obwohl es nie zum richtigen Amoklauf kam - die gewünschte Wirkung erreichten: Schülern, die sich sonst auf gesellschaftlicher Distanz befanden, wurde wie aus heiterem Himmel ein Übermaß an Aufmerksamkeit geschenkt. Ob man den Amoklauf nun auf eigene Faust ankündigt oder Mitschüler bewusst denunziert, spielt dabei keine Rolle. Die Kerndevise “Gefahr macht wachsam” greift in jedem Fall und zieht damit die sonst überwiegend dogmatisch-ungeselligen Blicke der erahnten Obrigkeit auf die eigene Person.

GSS, Emsdetten
Keine leeren Versprechungen an der GSS in Emsdetten: Hier wurde der Albtraum Wirklichkeit.

Auch am Immanuel-Kant-Gymnasium zog der mutmaßliche Schabernack bereits ernstzunehmende Konsequenzen nach sich: Allen Schülern wurde am besagten Freitag die Teilnahme am Unterricht in Absprache mit dem polizeipsychologischen Dienst von der Schulleitung - die in diesem Fall übrigens vorbildlich reagiert hat - freigestellt. Obwohl die vorangegangene Informationspolitik zu Wünschen übrig ließ, fand sich am nächsten Tag nur rund ein Fünftel der gesamten Schülerschaft zum Unterricht ein. Und was ich dabei deutlich feststellen konnte: Dieses Fünftel startete mit einem Gefühl von Beklommenheit in den Tag. In Mathematik- und Englisch-Stunden vertrieb man sich die Zeit mit möglichen Fluchtplänen und Galgenhumor. Mit dem zusätzlichen Unterrichtsausfall hat der - bisher noch nicht ermittelte - Trittbrettfahrer wohl nicht gerechnet. Hoffentlich. Jetzt hat er dafür die Nachwirkungen zu tragen, die… ja… zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt kurz vor den anstehenden Abiturprüfungen erheblich sein werden.

Nun, gottlob fielen am Freitag im sonnigsten Stadtteil Münsters keine Schüsse - ich bin mit ca. 150 furchtlosen Mitschülern und einer Vielzahl an blauen Augen davon gekommen. Ein Glück. Konnte der Amokläufer aus der absehbaren Gerüchteküche keinen wirtschaftlichen Nutzen mehr ziehen? Insbesondere jüngeren Schülern und deren Müttern möchte ich - zumindest kurzfristige - seelische Belastung nicht absprechen.

Ein derart unwillkommener Schalk ist also in Zukunft zu unterlassen. Denn: Aus ungelegten Eiern schlüpfen keine Hühner. Oder so ähnlich.




 Kommentare

  1. Marik http://www.unbequem.net/

    Selbst wenn der vorangegangene angekündigte Amoklauf nur ein Mittel war sich die schrecklich langweiligen Physikstunden etwas amüsanter zu gestalten - wovon ich persönlich ausgehe, die meisten Schüler besagter Bildungsanstalt neigen nicht dazu sich besonders engagiert im Unterricht zu zeigen und sich die Zeit anders zu vertreiben, sei es Counterstrike in Informatik oder Morddrohungen in Physik, alles der selbe Mist - so wird jetzt allen klar sein: Ein kleiner Satz auf einem Tisch und schon hab ich frei. Wir werden uns also vermutlich auf viele weitere Nachrichten vom Kant-Gymnasium freuen dürfen, auch wenn wir vermutlich vor dem Abitur keinen solchen Tag mehr erleben dürfen.
    Das Problem ist, sollte sich zuvor verfasstes bewahrheiten dann könnte es zu einer “Peter und der Wolf”-Mentalität kommen und dann kommt irgendwann der echte Schütze…
    Ich wünsche viel Spaß dabei :)

  2. Dennis http://www.unbequem.net/

    [...] Counterstrike in Informatik [...]

    Vorsicht: Diese Behauptung stützt sich nur auf Gerüchte!

  3. Marik http://www.unbequem.net/

    Stimmt, anwesend war ich nur in einem epischen Duell auf Leben und Tod während einer Religionsstunde in der im Internet nach irgendwas gesucht werden musste ;)

  4. Jakob http://www.frogged.de

    Verrückte Sache.
    Aber wenn Lehrer so die Klausuren korregieren, kann einen das auch schon wirklich in die Verzweiflung treiben…

    Seht selbst:
    http://frogged.de/index.php?option=com_content&task=view&id=130&Itemid=2

  5. Anoym 

    Wo ist bei diesem Thema denn euer kritisches Denken hin? “Freigeister” verhalten sich da aber anders ;)

    Siehe http://www.ralph-kutza.de/Amoklaufe_/amoklaufe_.html

  6. Dennis http://www.unbequem.net/

    Mein Vorhaben bestand nicht darin, sämtliche Querverweise auf Internetseiten großer deutscher Zeitungen gegeneinander abzugleichen und damit vom heimischen Bürostuhl aus als medienkritischer Privatdetektiv tätig zu werden.

    Vielmehr war das ein Musterbeispiel - vermutlich aus tausenden Amoklauf-Androhungen dieser Welt - das ich selbst miterleben durfte.

  7. Benjamin 

    Die vermehrten Schulmassaker, die es tatsächlich gibt nur als Trend abzutun währe falsch. Ich habe mir selbst mal Gedanken gemacht, warum sich die Amokläufe von jungen Erwachsenen häufen und habe da mehrere Faktoren gefunden: Alle Amokläufer kamen aus der Mittelschicht, fast alle sind männlich und psychisch labil, Außenseiterrolle, Probleme in der Schule, Zukunftsängste (Lehrstellenmangel, Gen. Praktikum), Propagierung von Oberflächlichkeit und Gehässigkeit in den Massenmedien (RTL, Bohlen, Das Model und der Freak…) und schließlich ein zugänglicher Waffenschrank. Und wenn dann noch in den Medien ausführlich von Attentätern und deren martialische Videos berichtet wird, dann muss man kein Einstein sein, um zu begreifen, dass sich das wiederholen wird; und immer häufiger.


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