Die Verlogenheit im Fall Tibet

Manchmal trifft einen die Erkenntnis einfach aus dem Nichts. Und so ist auch mir neulich etwas aufgefallen: Tibet wird von China unterdrückt. Nicht, dass es vorher nicht schon bekannt war. Einige wenige Privilegierte dürfen dieses Geheimnis schon ein wenig länger mit sich herumtragen. Vor einigen Wochen jedoch erblickte das chinesische Baby der Menschenrechtsverletzung erneut das Licht der Welt - und alle sind schockiert.

Plötzlich waren sie alle wieder da: Medien, Politiker und Verbände. Die Medien echauffierten sich ob der Behinderung internationaler Journalisten und das Europäische Parlament diskutiert über den Boykott der Olympischen Spiele. Und der mündige Bürger? Der holt für ein paar Tage die Flaggen mit der Aufschrift “Freiheit füt Tibet” aus seinem Keller. Als wenn das Baby von einen auf den anderen Tag geboren worden wäre. Doch nach ein paar Tagen der Babyfreude ist die Begeisterung Entsetzung schon wieder weg. Schnelllebig sind Medienlandschaft und Bürger.

TibetRein faktisch gesehen war Ärger jedoch schon lange in Sicht. Bereits seit dem 13.07.2001 ist bekannt, dass die Olympischen Sommerspiele 2008 in China stattfinden werden.

Vorhersehend titelte die Niederländische Zeitung “De Volkskrant” am 14.07.2001 zur Vergabe der Olympischen Spiele an China:

“Sieben Jahre lang wird den kommunistischen Machthabern jetzt genau auf die Finger gesehen. Sie sind nicht nur verpflichtet, der internationalen Presse Zugang zu erlauben, sondern haben auch weniger Spielraum zur Ausübung von Repression. Schwere Schändungen der Menschenrechte könnten leicht zum Boykott der Spiele führen. Die derzeitige politisch starre Führung hat sich damit möglicherweise ein trojanisches Pferd ins Haus geholt. Der Beschluss des IOC stellt eine Einladung an das Land dar, sich zu einem vollwertigen Mitglied der demokratischen Staatengemeinschaft zu entwickeln.”

Das trojanische Pferd steht bereits im Haus, die Griechen sind bis jetzt jedoch noch nicht herausgetreten.

An sich hatte es eigentlich alles ganz edel angefangen. Die Chinesische Regierung wollte mit den Olympischen Sommerspielen 2008 ihr internationales Image aufbessern. Und das Internationale Olympische Komitee (IOC) wollte erneut den Sport dazu verwenden, die starre Politik ein wenig zu öffnen. Große Hoffnung wurde in das Kind gesetzt, nun ist dieses jedoch erkrankt. Nachdem in Lhasa mehrere tibetische Demonstranten aneinander geraten sind, war China gar nicht zimperlich: Ausländische Fernsehsender wurden ausgeschaltet und auf die Demonstranten wurde geschossen.

China

Und irgendwie wollen Politiker und der IOC nicht genau sagen, was nun passieren wird. Steinmeier hält nichts von einem Boykott und Thomas Bach - Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees - fordert, man solle die Olympischen Spiele “nicht unnötig politisieren”. Komisch nur, dass bei den Olympischen Winterspielen 1980 in Lake Placid der Sieg der amerikanischen Eishockeymannschaft über den sowjetischen Erzfeind frenetisch gefeiert wurde. Natürlich hatte dieser Sieg nichts mit dem andauernden Kalten Krieg zwischen den USA und den Sowjets zu tun. Rein sportlich gesehen freute man sich ob der gewonnenen Medaille. Überdies ist in den letzten Jahrzenten die Komponente der Wirtschaft immer weiter in den Focus des IOC geraten. China bildet einen immensen Absatzmarkt, den sich der IOC nicht entgehen lassen will.

Der IOC fordert nun also den “mündigen Athleten”. Dieser dürfe vor und nach den Wettbewerben seine Meinung nach den Richtlinien der IOC kundtun. Die Olympische Charta besagt jedoch nach der Regel 51:

Keine Art der Demonstration oder politischen, religiösen oder rassischen Propaganda ist in olympischen Einrichtungen, Sportstätten und anderen Bereichen erlaubt.

Der Aufforderung des mündigen Athleten ist ein Schlag in die Magengrube jedes Freigeistes. Noch am Wochenende wurde Milorad Cavic, serbischer Europameister im Schwimmen von der EM ausgeschlossen. Er hatte ein T-Shirt mit der Aufschrift “Kosovo ist Serbien” getragen.

Sollten die mündigen Athleten Deutschlands bei den olympischen Spielen also ein Tshirt mit der Aufschrift “Freiheit für Tibet” tragen, oder gar die Faust geballt erheben, werden sie aus dem Olympischen Dorf verbannt. Politische Meinung ist irgendwie gewünscht, irgendwie aber auch nicht.

Was bleibt nun also zu tun? Zuallererst sollte der IOC seine antiquirten Vorstellungen des mündigen Athleten über Bord werfen. Meinungsäußerung im 21. Jahrhundert sieht gewiss anders aus. Im Fall China sehe ich für die nahe Zukunft keine Hoffnung, zu tief sind die Gräben zwischen China und dem Dalai Lama. Für die Olympischen Spiele ist die Angelegenheit eine Zerreißprobe. Die Politisierung sowie Vermarktung der Spiele auf dem Rücken der Athleten und der Moral ist für die Millionen Helfer in allen Teilen der Welt ein Schlag ins Gesicht. Ebenso wie die FIFA, treibt der IOC seine Kraft zu sehr in den Kapitalismus und sollte sich meiner Meinung nach auf seine wahre Bedeutung beschränken: Den Sport.

Bild 1: Sam Pehrson @ Flickr
Bild 2: Chi King @ Flickr




 Kommentare

  1. Fareus http://www.politischkorrekt.info

    Hmm, da fällt mir ein Nord-Korea muss auch “ihr internationales Image aufbessern”.

    http://www.olympicwatch.org/deutsch/

  2. blueyo 

    Hi
    Ich hab euch mal hier einen Link: http://video.google.de/videoplay?docid=382648693525986242
    Ich find das ganz gut - wird euch auch gefallen. Das passt jetzt nicht hier als Kommentar - also Löschen.
    Achja - Schul-Kritik.de hats endlich geschaft umzuziehen - Der Feed ist: schul-kritik.de/feed/

  3. Patrick http://www.unbequem.net/

    Es gibt da mehrere Länder, die ihr Image mit einer solchen Propaganda aufbessern könnten. Die Frage, inwieweit der Sport bei einer wirklichen Verbesserung der Situation helfen kann ist wirklich ambivalent zu betrachten. Auf der einen Seite kann der Sport sehr wohl Situationen verbessern ( z.b. Kindern ein soziales Verständnis beibringen; ihnen eine Beschäftigung geben; und in einer Gruppe Erfahrungen sammeln lassen ). Politisch gesehen ist die Sache da jedoch schon ein wenig schwieriger. Politiker neigen dazu, viele Dinge für ihre eigene Sache zu missbrauchen. So wird dann eine Show zu ihren Gunsten veranstaltet, bei welcher das eigene Volk dann den Glanz des Landes sehen kann. Eine Öffnung des Landes für die internationalen Medien würde da schon viel mehr helfen. Dank der Olympischen Charta können jedoch keine Athleten ihre Meinung frei äußern und die Medien werden wie im Falle CNNs auch ausgestoßen. Bis jetzt kann ich bei diesen Olympischen Spielen noch keine Verbesserung sehen, ausser natürlich dass die Welt nun wirklich gebannt auf dieses Land schaut und kleine und große Probleme heftig diskutiert werden.

  4. lupe http://swiss-lupe.blogspot.com/

    aber du siehst, auch du schreibst und befasst dich intensiv mit der materie. wenn die olympiade nicht nach china vergeben worden wäre, welcher hahn würde jetzt auf die menschenrechtsverletzungen krähen? wenn mit dieser aufmerksamkeitswelle nur etwas bewegt, oder verändert werden kann, so hat es sich gelohnt.
    leider ist die menschheit so degeneriert und bequem geworden, dass sie sich nur noch durch skandale oder drastische bilder zur betroffenheit oder reaktion aufraffen kann.

  5. Patrick http://www.unbequem.net/

    Mh, irgendwie ist das ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite wurde auch ohne die Olympiade schon lange über Menschenrechtsverletzungen in China diskutiert. Dass China und die Menschenrechtssituation in China nun mehr Aufmerksamkeit kriegt, ist meiner Meinung nach nicht unbedingt positiv zu sehen. China kann es sich derzeit leisten, arrogant zu sein und im Lande nichts zu ändern. Investoren und große Firmen sind auf China angewiesen, sie werden dem Lande nicht fern bleiben.
    Und im Lande scheint China auch alles im Griff zu haben. Eine große Opposition, die für mehr Menschenrechte kämpfen würde gibt es nicht. Die Medien haben die Bürger fest im Griff, die Chinesischen Bürger sind stolz auf ihr Land.

    Dass durch eine höhere Berichterstattung sich im Lande nun etwas ändern wird halte ich für Wunschdenken.

  6. Mirko http://www.unbequem.net/

    Die Medien haben die Bürger fest im Griff(…)

    Da bin ich mir gar nicht mal so sicher derzeit. Ich habe auch anderweitig gehört, dass es zunehmend freie(re) Medien gäbe und die Menschen nicht zuletzt auch ausländische Sender konsumieren - genauso wie wir auch.

    Die Medienlandschaft in China sieht zugegebenermaßen schon etwas anders aus als die Propagandamaschine im dritten Reich…
    Wie diese genau aussieht, kann man aber wohl nur beurteilen, wenn man sich selbst einen Überblick darüber verschafft hat.

  7. Patrick http://www.unbequem.net/

    Ich bezog mich in meiner Aussage auf das ZDF Auslandsjournal.
    Hier wurden Chinesen befragt, und sie stellten sich ganz klar hinter die Vorderungen und Nachrichten der chinesischen Nachrichtensender. Eine Frau sagte auch, dass die Chinesen nicht zwischen dem Staat und dem Volk unterscheiden, und deswegen Chinesen Proteste für die Freiheit Tibets als Angriff gegen sich selbst sehen.

    Da bin ich mir gar nicht mal so sicher derzeit. Ich habe auch anderweitig gehört, dass es zunehmend freie(re) Medien gäbe und die Menschen nicht zuletzt auch ausländische Sender konsumieren - genauso wie wir auch.

    Internationale Nachrichtensender wie z.B. CNN wurden zensiert, Google ist in China auch zensiert .
    Von einer Propagandamaschine ala drittes Reich würde ich im Falle Chinas nicht sprechen. Die Regierung Chinas schafft es einfach, die Bürger auf ihre Seite zu holen und internationalen Druck nicht in das Land zu lassen.

    Wie diese genau aussieht, kann man aber wohl nur beurteilen, wenn man sich selbst einen Überblick darüber verschafft hat.

    Würde ich auch sagen,jedoch kann man sich durch Berichte ala Auslandsjournal auch von hier aus ein Bild machen. Wir könnten ja spenden lassen und selbst vor Ort nach China fliegen :)

  8. Marik http://www.unbequem.net/

    Chinas schafft es einfach, die Bürger auf ihre Seite zu holen

    Es ist auch nicht gerade schwer zur Zeit auf Chinas Seite zu sein, wenn in Paris die im Rollstuhl sitzende Fackelträgerin angegriffen wird und man das ganze in den Medien richtig darstellt da liegt der Schluss nahe, dass der Westen verrückt geworden ist.
    Die Grundlage auf der Tibet gerne ein eigener Staat wäre, wäre in jedem anderen Fall wahrscheinlich Grund zum Spot, so viele international beliebte Gottesstaaten haben wir nicht auf diesem Planeten, warum sollte es bei einem Staat unter einem Herrscher der die 14. Reinkarnation seiner Selbst ist anders sein?


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