Freitod digital. Ein Besuch in der Parallelwelt…

“Hallo! Ich würde gerne meinem Leben ein Ende setzen.”

Hilfesuchend wendet sich Tobias (17 Jahre) an die Experten in einem Selbstmordforum. Die Experten? Das sind die, die es versucht haben. Die, die mit 20 Gramm Phenobarbital und im schweren Koma auf der Intensivstation gelandet sind. Das sind die Spezialisten, bei denen 150 Aprikosenkerne nicht zur Cyanid-Vergiftung ausgereicht haben. Sie sind die sachkundigen Ansprechpartner, die daneben geschossen haben. Bedauerlich.

Kopfschuss

Die Samariter geben Tobias wohlgemeinte Ratschläge: Todessprung von der Brücke im GBL-Rausch, Erhängen unter Einfluss von Tilidin, mit einer Butangasflasche in den abgedichteten Kleiderschrank setzen. Die angeregten Methoden sind scheinbar kreativ und effizient, obwohl niemand von ihrer letalen Wirkung erfahrungsgemäß berichten kann. Doch das spielt keine Rolle. Der Dialog mit ihnen ist der einzige Halm, wonach der isolierte und psychisch instabile Tobias noch greifen kann. Hier gibt es kein Mobbing, keine Miseren. Nicht im Freitodforum. Hier werden Probleme verstanden. Hier wird Mut gemacht. Mut zum Leben? Nein, Mut zum Sterben.

TablettenAuf der Suche nach Fachinformationen über apothekenpflichtige Schlafmittel bin ich gleich auf mehrere Diskussionsportale für potenzielle Suizidenten gestoßen. In virtuellen Expertenrunden beratschlagt man sich über illegale Importe von Barbituraten aus Thailand, über physikalische Berechnungen im freien Sturz von der Müngstener Brücke oder über die Frage “Welches ist das beste Seil?”.

Die moralische Auffassung der zuständigen Moderatoren in den verschiedenen Foren hat mich beim Lesen besonders schockiert. Psychologische Betreuung gibt es nicht. Tipps & Tricks zum perfekten Selbstmord sind gern gesehen - Aufrufe zum Kollektivsuizid hingegen nicht. Entsprechende Beiträge werden entfernt. Der gesetzliche Rahmen in Deutschland ist in diesen Fällen locker definiert: Beihilfe oder Anstiftung zum Suizid sind im Gegensatz zur Mitwirkung nach österreichischem Strafrecht (§ 78 StGB) straffrei.

Die flächendeckende Vernetzung macht einen bis ins Detail vorbereiteten Suizidversuch einfach wie nie. Hier findet man sogar die entsprechenden Adressen von zahlreichen Versandapotheken aus dem Ausland, die rezeptpflichtige Arzneimittel über den deutschen Schwarzmarkt vertreiben.Demonstration Gegen Psychiatrie, Washington D.C. Morphin schnell und zuverlässig aus Thailand? Kein Problem: Der Versand erfolgt über eine ortsansässige Reiseagentur. Nach einer Woche erhält der Kunde zwei Blister. Versteckt im Hotelkatalog.

Während der Recherche stellten sich mir einige Frage immer wieder erneut: Sollte man die Freitodforen einfach schließen? Wenn ja, auf welcher gesetzlichen Grundlage? Oder wäre es nicht besser, wenn man die Problematik erhöhter Selbstmordtendenzen direkt bekämpft? Nur wie? Offene Fragen. Dabei sind mir auch Missstände in Bezug auf das deutsche Gesundheitssystem sowie die psychiatrische Infrastruktur aufgefallen: Die Foren, in denen sich die Selbstmordkandidaten einander ermutigen, sind für Betroffene häufig die letzte Station und damit auch - wie eingangs bereits erwähnt - der letzte Halm, nach dem ein zerstörtes Gemüt noch greifen kann. Vielen fällt der Gang zum geschulten Psychiater schwer. Für Einige kommt er gar nicht infrage. Andere haben die ärztliche Hilfe in Anspruch genommen, wurden jedoch durch miserable Behandlungskonzepte abgeschreckt und haben die Therapie augenblicklich abgebrochen. In vielen Fällen bestand die erfolgsträchtige “Psychotherapie” in der industriellen Abfertigung des Patienten mit Psychopharmaka. Die Beratungsgespräche fanden in einem Zeitfenster von drei bis fünf Minuten statt. Ebenso habe ich von Schicksalen gelesen, in denen Krankenkassen alternative Therapieansätze oder stationäre Aufenthalte nicht bewilligt haben.

Die Notwendigkeit besteht in erster Linie in der verstärkten Leistung von Öffentlichkeitsarbeit zu diesem Thema. Den Patienten muss die Angst vor dem vermeintlichen Tabuthema “Psychiatrie” genommen werden. In zweiter Hinsicht sollten Vertreter der modernen Behandlung von seelischen Erkrankungen heute multimedial denken: Große Portale sollten zumindest mit einem fachkundigen Psychologen ausgestattet sein, der Beratung anbietet, der zuständige Kollegen in gemeinsamer Absprache weiterempfiehlt und im Ernstfall einschreiten kann. Der Weg vom PC zum Facharzt ist schwer und alleine nur selten zu bewältigen.

Bild 1: Steven Fernandez @ Flickr
Bild 2: Jörg Dornblut @ Flickr
Bild 3: jetteroheller @ Flickr




 Kommentare

  1. Mirko http://www.unbequem.net/

    Eine sehr schwierige Angelegenheit, noch dazu ein Tabuthema.

    Ich denke, die betroffenen Personen sind in verschiedene Bereiche einzuordnen. Das sind zum einen die typischen Pubertierenden, die keine Perspektive haben, schlechte (Schul-)Leistungen bringen, Stress mit den Eltern oder einfach (häufigste Ursache) Liebeskummer haben.

    Die zweite Gruppe sind psychisch kranke Menschen, die dritte Gruppe sind Menschen, die ihre Existenz verloren haben und keinen Ausweg mehr sehen.

    Helfen kann man all diesen Leuten nicht von jetzt auf gleich. Da es ein Tabuthema ist, fehlen praktisch jegliche Therapie- und Präventionsansätze.

    Ich kann mich nicht erinnern, jemals in der Schule über Suizid gesprochen zu haben. Es mag nicht viel bringen, aber es könnte dem ein oder anderen Jugendlichen aufzeigen, dass der Suizid keine Lösung ist.

  2. Sebastian Wilhelm http://www.arschmonster.de/23/12/2007/suizid-grundrecht-auf-den-freitod/

    Guter Artikel :)

    Ein wirklich sehr interessantes Thema. Ich denke verbieten kann man solche Foren nicht. Dafür gibt es keine gesetzliche Grundlage. Viel wichtiger ist die Aufklärung, wie du sie ja angesprochen hast.
    Auch im Internet findet man wenig Informationen über den Freitod. Ich denke wir sollten aufhören ihn zu tabuisieren, und anfangen offen darüber zu reden. Ein großteil der Menschen, die sich selbst töten wollen, ist psychisch krank. Diesen Menschen kann geholfen werden. Andererseits gibt es auch Menschen, die gesund sind, und trotzdem über einen Suizid nachdenken. Gerade in der Schule sollte man frühzeitig über solche Themen reden, sonst informieren sich die Jugendlichen im Internet, und wenn sie dann auf solche Foren stoßen, dann beeiflusst sie das vielleicht in eine “falsche” Richtung.

    Ich habe einmal eine Unterrichtsstunde zu dem Thema gehalten, leider erst im 13. Jahrgang, aber die Diskussionen waren trotzdem sehr interessant.

    Btw: “Der gesetzliche Rahmen in Deutschland ist in diesen Fällen locker definiert: Beihilfe oder Anstiftung zum Suizid sind im Gegensatz zur Mitwirkung nach österreichischem Strafrecht (§ 78 StGB) straffrei.” - bitte zitiere nicht das Österreichische Strafgesetzbuch wenn du den gesetzlichen Rahmen in Deutschland erläutern willst :P

  3. Dennis http://www.unbequem.net/

    Die Formulierung ist hier vielleicht etwas misslungen. Ich wollte lediglich einen Vergleich zum österreichischen Strafrecht herstellen. Da die Beihilfe zum Suizid im deutschen Strafrecht nicht existiert, konnte ich ja auch nichts zitieren. ;)

  4. Amiga-Freak 

    Hmm…ich bin 25, erste depressive Symptome vor 20 Jahren, erster Eintrag in einem Suizid-Forum vor 10 Jahren. Leider immer noch am Leben ;-)

    Solche Foren zu schließen wäre aber katastrophal. Ich habe das in den 10 Jahren mehr als einmal erlebt. Plötzlich ist man von der einzigen Möglichkeit sich auszudrücken abgeschnitten.
    Man denkt man schreibt sich mal was von der Seele…und….zack, das Forum ist weg. Und damit der Kontakt zu den Leuten die man dort ggf. kannte.
    Toll…da fühlt man sich doch gleich besser.

    Übrigens ist das deutsche Strafrecht in dieser Hinsicht nur konsequent und logisch. Suizid ist legal - die Beihilfe zu einer legalen Tat kann selbst nicht illegal sein. Genau aus diesem Grund ist sie es auch nicht (im Zweifelsfall Jura-Prof nach dem Grund fragen).

    Und “Mut zum Sterben” hat mir dort nie jemand gemacht. Zwar ist Suizid in so einem Forum selbstverständlich als Problemlösungsstrategie akzeptiert, aber “gut” findet ihn deswegen keiner.
    Auch meine Meinung ist daß jeder Suizid einer zuviel ist - trotzdem steht für mich das Freiheit, Menschenwürde und das Recht auf Selbstbestimmung weit vor dem Wert des Lebens.

    Und selbst wenn man alle Freitod-Foren schließen würde…bleibt immer noch das völlig unregulierbare weil dezentrale Usenet mit seinen Newsgroups wie alt.suicide.holiday

    Übrigens habe ich in der Schule jahrelang darauf gewartet daß das Thema Suizid mal im Unterricht behandelt wird (z.B. in Reli). Es kam nie…

    Soweit mal meinen Meinung als Betroffener.

  5. Dennis http://www.unbequem.net/

    Vielen Dank für deinen Beitrag!

  6. Jaja 

    Etwas Off-Topik. Aber sind die Psychiatrie-Gegner auf dem Foto nicht Scientologen? Und wenn ja, warum zeigst Du unkommentiert so ein Foto?

    Davon abgesehen fand ich Deinen Beitrag interessant, war mir der Existenz dieser Selbstmordforen gar nicht bewusst. Zimlich erschreckend. Aber an erschreckendes gewohnt man sich ja leider immer mehr.

  7. Dennis http://www.unbequem.net/

    Das Bild stammt von einer allgemeinen Demonstration gegen Behandlungsmethoden der Psychiatrie in Washington D.C. Ob auf dem Bild nun Scientologen, Christen, Muslime, Neuheiden oder Schamanen zu sehen sind, halte ich hier für thematisch nicht relevant.

  8. Jaja 

    Naja. Nicht relevant ist gut. Wenn man sich die Fachliteratur ansieht, kommt man da schon ins Grübeln. Die Haltung von Scientology gegenüber der Psychiatrie ist da doch durchaus kritisch zu sehen. Aber hast schon recht, tut nichts zum Thema, ist aber trotzdem grenz wertig so ein Foto zu nehmen.

  9. Kay 

    Die Auslöser für Selbstmordabsichten sind sicherlich vielfältig.
    Mirkos Einteilung in Gruppen ist meiner Ansicht nach aber nicht unbedingt sinnvoll.
    Wie entstehen denn Störungen der Psyche?
    Dazu mal etwas von Erich Fromm:

    “Unsere zeitgenössische westliche Gesellschaft ist trotz ihres materiellen, intellektuellen und politischen Fortschritts der geistigen Gesundheit immer weniger förderlich und neigt dazu, die innere Sicherheit, das Glück, die Vernunft und Liebesfähigkeit des einzelnen zu untergraben; sie neigt dazu, ihn in einen Automaten zu verwandeln, welcher für sein Versagen als Mensch mit zunehmenden geistigen Erkrankungen und mit einer unter einem hektischen Trieb zu Arbeit und sogenanntem Vergnügen verborgenen Verzweiflung bezahlt.”

    Leider kann ich dazu keine Quellenangabe machen.

    Psychische “Störungen” entstehen dann, wenn menschliche Bedürfnisse unbefriedigt bleiben.
    Darüber sollte man sich mal Gedanken machen. Nicht an den Symptomen rumdoktorn, wie es so schön heißt, sondern die Ursachen der “Störungen” erkennen und sich eher in dieser Richtung betätigen.
    Der Gedanke an Selbstmord ist immer ein “kranker” Gedanke. Deswegen halte ich Mirkos Einteilung in Gruppen für überflüssig.
    ..wiederhole ich mich?^^


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